Darstellendes Spiel Schuljahr 2010/2011

Dokumentation zum Erinnerungstheater

Details

Alte Heimat / Schnitt / Neue Heimat
Erinnerungstheaterprojekt mit einem multikulturellen,
generationenübergreifenden Amateurtheater-Ensemble

Szene aus dem Stück: „Abschied von den Eltern, Großeltern“ Foto: Ursula Kronsteiner
„Indem wir Erinnerungen wertschätzen, können wir in der
Gegenwart auf den Spuren der Vergangenheit
auf eine aufgeklärte Zukunft hinarbeiten.“
(Pam Schweitzer, Begründerin des Erinnerungstheaters)


 

„By making memories matter, we can work in the present through the past for a more
enlightened future.“ (Pam Schweizer vom Projekt Age Exchange1)
Der Projektrahmen
Im Rahmen des Projektes „Alte Heimat / Schnitt / Neue Heimat“ haben wir Innsbrucker/innen
jüdischer Herkunft interviewt, die als Kinder oder Jugendliche in der NS-Zeit vertrieben
wurden und denen die Flucht nach England oder Palästina gelang. Aus den Interviews mit
den Zeitzeugen/innen, die als Filmsequenzen vorliegen, werden von Horst Schreiber und
Irmgard Bibermann Unterrichtsmaterialien für Schule und Universität erstellt, die ab Frühjahr
2012 auf der Homepage von erinnern.at abgerufen werden können. Der Schriftsteller
Christoph W. Bauer wird sich literarisch mit dem Projektthema auseinandersetzen, während
Emir Handzo und Vinzenz Mell einen Film über die Begegnung der Projektgruppe mit den
Zeitzeugen/innen in England und Israel erstellen werden.
Das Projektteam hat Irmgard Bibermann von spectACT, dem Verein für politisches und
soziales Theater, beauftragt mit den nach der Recherchephase vorliegenden Originalquellen
ein Erinnerungstheaterstück zu erarbeiten.
Was ist Erinnerungstheater?
Als remeniscence theatre, wird diese Theaterform seit den 1990er Jahren in Großbritannien
praktiziert. Pam Schweitzer und ihre Theatergruppe „Age Exchange“ gelten als die
Vorreiter/innen der Methode. In vielen Erinnerungstheaterstücken sind diejenigen, die sich
erinnern, auch selbst die Protagonisten/innen.
In einer zweiten Variante der Theaterform setzen sich Spieler/innen der Kinder- bzw.
Enkelkindergeneration mit den Erinnerungen der Eltern- bzw. Großelterngeneration in
szenischen Prozessen intensiv auseinander und bringen sie als Akteure/innen auf die
Bühne. Diesen Weg hat spectACT beim Projekt „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ mit der
Theatergruppe des Abendgymnasiums Innsbruck beschritten.
Erinnerungstheater wurde hier zur Spurensuche, um Geschichte aufzuarbeiten, aufklärend
zu wirken und Erkenntnisse zu vermitteln.
Warum Erinnerungstheater?
Um an den Erfahrungen der Menschen teilzuhaben, die als Kinder und Jugendliche wegen
ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten aus Innsbruck vertrieben wurden, bleibt
nicht mehr viel Zeit. Durch den Umstand, dass immer weniger Zeitzeugen/innen befragt



1 Age Exchange ist der Name des Zentrums der Erinnerungen in London, das sich seit fast 30 Jahren in kreativen
sozialen Bildungsprojekten für die Wertschätzung von Menschen und ihren Lebenserinnerungen einsetzt (vgl.
www.age-exchange.org.uk)


werden können, erhält das geplante Projekt, aus den Interviews mit den aus Innsbruck
Vertriebenen ein Theaterstück zu erarbeiten, einen umso größeren Stellenwert.
Lernen aus der Geschichte wird wesentlich erleichtert, wenn man sich mit den Erzählungen,
Erfahrungen und Erinnerungen von Menschen konfrontiert, die aus der eigenen Region, der
eigenen Stadt, stammen.
Historische Spurensicherung vollzieht sich mittels Erinnerung. Für die Betroffenen ist es teils
schwierig, anstrengend und fordernd, sich an bestimmte Phasen ihres Lebens zu erinnern
und darüber zu sprechen. Die Weitergabe ihres Erfahrungsschatzes ist demnach keine
Selbstverständlichkeit, sondern ein Entgegenkommen, ein Geschenk.
Das Sammeln ihrer Erinnerungen, die ein wesentlicher Bestandteil bei der Erarbeitung eines
Erinnerungstheaterstückes ist, übernahm in diesem Fall die Spielleitung mit den Mitglieder
des Projektteams, die für die filmische Aufzeichnung der Interviews zuständig waren.
Erinnerungstheater behandelt zeitgeschichtliche Ereignisse der sich erinnernden Menschen
aus dem Blickwinkel der Gegenwart.
Über die kreative, theatrale Auseinandersetzung mit den Erzählern/innen und ihren
konkreten Erfahrungen, Erlebnissen und Handlungen hatten die Mitglieder der
Theatergruppe die Möglichkeit, eigene Sichtweisen zu entwickeln. Im Zentrum stand dabei
die Förderung von Verständnis für die Zeitzeugen/innen.
Mit dem Erinnerungstheaterstück sollen besondere Wege der Vermittlung von Zeitgeschichte
beschritten werden. In den Erzählungen der Zeitzeugen/innen wird Erinnern sichtbar, hörbar,
begreifbar. Mit der Inszenierung der Erzählungen erhält ein schwieriges Kapitel der
Zeitgeschichte ein Gesicht und wird dadurch konkret fassbar und damit leichter
nachvollziehbar. Den Zeitzeugen/innen eine Stimme zu geben, damit ihre Geschichte nicht
verloren geht, war Ziel des Theaterprojekts.
Das Stück „Alte Heimat /Schnitt / Neue Heimat“
Der inhaltliche Fokus
Die Zeit des Nationalsozialismus hat das Leben der Zeitzeugen/innen tief geprägt.
Unser Interesse galt jedoch der gesamten Lebensgeschichte. Eine Verengung und
Reduktion ihrer Biografie auf die Nazizeit wird den Interviewpartnern/innen nicht gerecht,
reduziert sie zu sehr auf den Opferstatus und lässt sie zu wenig als aktive Gestalter der
eigenen Lebensgeschichte erscheinen.
Was sie aus dem gemacht haben, was ihnen angetan wurde, ist ein wichtiger Teil der
theatralen Erzählung. Auf der Bühne wollten wir nicht nur von den Erfahrungen von
Verfolgung und Vertreibung, sondern auch vom Leben der jüdischen Innsbrucker/innen vor
1938 und nach der gelungenen Flucht erzählen. Kindheit und Jugend, Familienleben,
Schule, religiöses Leben, soziale Situation und Freizeitverhalten sind ebenso Teil des Stücks
wie die Erfahrung des Zusammenbruchs der Alltagsnormalität mit dem Anschluss. Wie es ist,
die Heimat zu verlieren, fliehen zu müssen, wie die Menschen in der neuen Heimat auf die
Flüchtlinge reagieren, wie man mit dem Verlust nächster Verwandter umgeht, die der
nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen konnten, wie es gelingt
sich eine neue Identität, eine neue Existenz aufzubauen, eine eigene Familie zu gründen
und sich einen neuen Freundeskreis zu schaffen, beruflich Fuß zu fassen, wie die Kinder von
damals heute auf Innsbruck und seine Menschen schauen – darüber berichteten die
Zeitzeugen/innen auf unsere Fragen und ihre Schilderungen brachte die Theatergruppe auf
die Bühne.
Die szenische Umsetzung
Unser Stück ist ein theatrales Fotoalbum, in dem die Lebensgeschichten der
Zeitzeugen/innen in einer ausdrucksstarken Bilderfolge mit chorischen Elementen und Life-
Musik zu einer szenischen Collage verdichtet wurden. Ähnlich dem Feature im Hörfunk wird
authentisches Ton- und Bildmaterial aus der Recherchephase eingesetzt, d.h. zwei
Spielern/innen erzählen im Originalton als Dorli Neale und Abraham Gafni, was diese im
Interview berichtet haben. Als Bühnenbild dient eine Installation von Fotos, die einzelne
Lebensphasen der beiden Zeitzeugen/innen dokumentieren. Alte Stühle, Koffer und
Taschen, die als Requisiten verwendet werden, lassen die Vorstellung von einem
„Dachboden der Erinnerung“ entstehen. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die
SpielerInnen Kostüme tragen2, die an die 1930er Jahre erinnern und auch durch die
Beleuchtung, mit der das Bühnengeschehen in ein Licht getaucht wird, das an die Farbe
alter Fotos erinnert3. Das Stück beginnt, wenn die Tür zum Theaterraum für das Publikum
geöffnet wird, denn dann betreten die Zuschauer/innen ebenfalls diesen Raum der
Erinnerung.



2 Alexia Engl, Bühnen- und Kostümbildnerin im Kellertheater und beim Sommertheater Hall war
verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme.
3 Dietmar Scherz, Beleuchter im Westbahntheater, erstellte das Lichtkonzept.


Schluss-Szene aus den Stück: „Dachboden der Erinnerung“ Foto: Ursula Kronsteiner
Kurzbiografien der Zeitzeugen/innen4
Dorli Neale wird als jüngste Tochter von Friedrich und Rosa Pasch im November 1923 in
Innsbruck geboren. Sie hat zwei ältere Schwestern, Ilse und Trude. Die Familie ist
tschechischer Herkunft und gehört der jüdischen Gemeinde an.
Dorli Neales Vater besitzt ein Modegeschäft in der Maria-Theresien-Straße.
Dorli Neale besucht das Gymnasium in der Sillgasse, das sie in der vierten Klasse verlassen
muss, weil jüdischen Schülern/innen der Schulbesuch von den Nazis verboten wird.
In der Nacht der blutigen Ausschreitungen vom 9. auf den 10. November 1938 wird die
Wohnung der Eltern von Nationalsozialisten verwüstet und dabei die damals 15-jährige Dorli
verletzt. Die Gestapo nimmt den Vater zwölf Tage lang in Haft, er wird brutal geschlagen.
Ende November 1938 muss die Familie Pasch Innsbruck verlassen und zieht zu einer
Verwandten nach Wien.
Im Dezember 1938 gelangt Dorli Neale mit einem Kindertransport nach England. Auch die
übrigen Familienmitglieder können 1939 nach England fliehen.
Dorli Neale wird Modistin, arbeitet während des Krieges in einer Fabrik für Suchscheinwerfer,
eröffnet mit ihrem Mann eine Bar und wird schließlich die Leiterin eines Altersheimes für
deutsche und österreichische Flüchtlinge.



4 Die Informationen dazu stammen aus den Interviews mit Dorli Neale mit dem Projektteam (Jänner 2009, April
2010) und Abraham Gafni (Mai 2010).


Sie hat zwei Söhne und vier Enkelkinder.
Abraham Gafni wird als ältester Sohn von Anna Turteltaub und Leo Weinreb im August 1928
in Innsbruck geboren. Die Eltern trennen sich noch vor seiner Geburt. Mit seinem Stiefvater
Salomon Scharf und den Geschwistern Poldi und Gitta lebt er kurze Zeit in Kirchbichl.
Nach der Erkrankung seiner Mutter zieht die Familie zu den Großeltern nach Innsbruck in die
Defreggerstraße 12.
Die Großeltern Wolf Meier und Amalia Turteltaub stammen aus Galizien und besitzen in der
Defreggerstraße das Waren-Kredithaus Fortuna, das sich im Erdgeschoss ihres Hauses
befindet. Nach dem Tod der Mutter bleiben Abraham Gafni, damals noch Erich Weinreb, und
seine Geschwistern bei den Großeltern.
Erich Weinreb besucht die vierte Klasse Volksschule in Pradl, als ihm kurz nach dem
Anschluss im März 1938 der Schulbesuch verweigert wird – dies bedeutet für ihn den Verlust
des gleichaltrigen Freundeskreises.
In der Nacht der blutigen Ausschreitungen vom 9. auf den 10. November 1938 wird der
Großvater brutal zusammengeschlagen und zusammen mit einem Onkel, einem Großonkel
und einem Cousin in Schutzhaft genommen.
Ende November 1938 muss die Familie Turbeltaub Innsbruck verlassen und so kam Erich
mit den Großeltern und den beiden Geschwistern nach Wien.
Ende Mai 1939 gelingt es dem Großvater, den 10-jährige Erich und seinen 8-jähriger Bruder
Poldi allein mit einem illegalen Flüchtlingsschiff nach Palästina zu schicken.
Die kleine Schwester Gitta und die Großeltern werden von den Nazis nach Riga deportiert
und dort ermordet.
Erich Weinreb bekommt in seiner neuen Heimat Israel einen neuen Namen, er wird zu
Abraham Gafni, arbeitet in der Landwirtschaft, macht eine Lehre als Kühlschranktechiker,
geht zum zunächst illegalen Militär und arbeitet nach der Gründung des Staates Israel in der
Handelsmarine.
Er heiratet, ist Vater von drei Töchtern, vielfacher Großvater und seit kurzem Urgroßvater.
Die Zeitzeugen/innen im Publikum
Zur Aufführung am 7.Mai 2011 kam Dorli Neale (Dora Pasch) mit ihren beiden Söhnen und
Schwiegertöchtern aus England und Abraham Gafni (Erich Weinreb) mit seiner Frau aus
Israel. Ihre Lebenserinnerungen bildeten die Grundlage für das Theaterstück „Alte Heimat /
Schnitt / Neue Heimat“.
Ihnen zur Ehre besuchten auch die Bürgermeisterin von Innsbruck, mehrere Stadt- und
Gemeinderäte/innen, Vertreter/innen des Landesschulrats für Tirol und die Präsidentin der
Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg die Aufführung. Es war für alle
Spieler/innen, Zuschauer/innen und vor allem auch für die beiden Zeitzeugen/innen ein
bewegender Abend.
Dorli Neale sagte in ihrer Ansprache nach dem Stück: „I am not usually speechless but this
time I really am, and I cant thank you enough for what you (…) have done to bring back
memories. The actors were absolutely fantastic, it couldn’t have been easy for them. I want
to thank you all from the bottom of my heart.” Und Abraham Gafni im Gespräch danach: „Es
gibt keine Worte, das Stück hätte nicht besser sein können, es erzählt mit einfachen Mitteln
in eindrucksvollen Bildern die ganze Geschichte.“
Zeitzeugen/innen im Unterricht
Im Anschluss an die Aufführung am Samstag kamen Dorli Neale und Abraham Gafni auf
Einladung von Irmi Bibermann und Horst Schreiber am Montag, 9.05.2011 ins
Abendgymnasium Innsbruck um mit Studierenden über ihre Lebensgeschichte zu sprechen:
ihre Kindheit bzw. Jugend in Innsbruck vor 1938, ihre Erinnerungen an die Veränderungen
im Alltagsleben nach dem Anschluss, an die Pogrammnacht vom November 1938, ihre
Abreise von Innsbruck, ihre Flucht aus Österreich, das Ankommen in England und Israel,
über den Umgang mit dem Verlust von nahen Verwandten, dem Verlust der Heimat. Sie
erzählten auch, wie es ihnen gelang in der neuen Heimat Fuß zu fassen, eine Familie zu
gründen, Freunde/innen zu finden, sich eine berufliche und soziale Existenz aufzubauen.
Ihre Schilderungen von Heimatverlust, Flucht, und dem Aufbau einer neuen Heimat
bewegten die Zuhörer/innen. Ein besondere Bedeutung erhielten die Erzählungen auch
dadurch, dass sich unter den Zuhörern/innen viele Studierenden mit migrantischem
Hintergrund befanden, von denen einige vor ihrer Ankunft in Österreich ähnliche Erfahrungen
durchgemacht haben wie die beiden Zeitzeugen/innen. Für viele Migranten/innen stellt sich
ja genauso wie für Dorli Neale und Abraham Gafni vor 70 Jahren die Frage, wie gelingt
Beheimatung in einem Land mit einer fremden Sprache, Kultur, Religion, oft auch getrennt
von der Ursprungsfamilie.

Studierende am Abendgymnasium Innsbruck beim Gespräch mit Dorli Neale und Abraham Gafni, 9.5.2011 Foto: Ursula Kronsteiner
Wenn die Zeitzeugen/innen erzählen, wird spürbar, wie es Menschen geht, die nach
Vertreibung und Verfolgung in einem fremden Land eine neue Heimat suchen.
Man fängt an zu verstehen, was der Verlust der Heimat für Menschen in emotionaler und
materieller Hinsicht bedeutet. Dieses Verständnis braucht es in einer Schule wie dem
Abendgymnasium, in der der Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund ständig
steigt, um kulturelle Unterschiedlichkeit nicht als Problem, sondern als Herausforderung und
Chance zu begreifen.

Dorli Neale und Abraham Gafni beim Besuch im Unterricht am Abendgymnasium Innsbruck , 9.5.2011 Foto: Ursula Kronsteiner
Das Ensemble
Die Amateurtheatergruppe besteht aus 13 Schauspieler/innen, die zum einen aus der
Gruppe Darstellendes Spiel am Abendgymnasium Innsbruck kommen, zum anderen aus
Menschen, die in verschiedenen Projekten mit dem Verein spectACT zusammengearbeitet
haben. Es handelt sich dabei um Menschen im Alter von 18 bis 68, aus verschiedenen
Nationen, mit verschiedenen Muttersprachen, unterschiedlichem kulturellen, religiösen und
sozialen Hintergrund. Das gilt vor allem auch für die Musiker der Gruppe INNtro (Leitung:
Emir Handžo), die für die Life-Musik auf der Bühne zuständig sind.
Der Erarbeitungsprozess
Die Theatergruppe an einem Gymnasium für Berufstätige ist etwas Besonderes. Denn es ist
keineswegs selbstverständlich, dass Menschen neben Beruf und Schulbesuch, oft auch
Familie, sich jeden Samstag im Monat und wenn es auf die Aufführungen zugeht, alle
vierzehn Tage für ein ganzes Wochenende zur Theaterwerkstatt treffen, an der auch
Lehrende und Absolventen/innen der Schule teilnehmen, um sich gemeinsam mit den
aktuellen Studierenden auf szenische Lernprozesse einzulassen.
Die Stücke, die wir alljährlich auf die Bühne bringen, wachsen immer aus der Gruppe heraus.
So auch das Erinnerungstheaterprojekt. Es spiegelt die Ideen, Erfahrungen, Erlebnisse der
Spieler/innen wieder, auch wenn im Mittelpunkt die Lebenserinnerungen von zwei aus
Innsbruck vertriebenen Menschen stehen. Die Spieler/innen zeigen sich auf der Bühne mit
ihren jeweils eigenen speziellen Qualitäten, stehen selbstbewusst zu ihren Eigenheiten,
bringen sie ins Spiel ein.
Was macht Erinnerungstheater mit den Spielenden?
Im Erarbeitungsprozess lade ich die Spielenden u. a. ein, die Übungen als eine spezielle
Form von Recherchearbeit anzusehen, bei der die Wahrnehmung des eigenen Erlebens im
Mittelpunkt steht. Ich ermuntere sie, von ihren eigenen Erlebnissen in Übungen und
Improvisationen auszugehen, sie als Bausteine für die Annäherung an das Thema ernst zu
nehmen und als Material für die Gestaltung der Figuren und Szenen zu nützen. Den eigenen
Körper als lebendiges Instrument für das Sammeln von Erfahrungen zu begreifen, verändert
die Haltung gegenüber dem persönlichem Erleben: die meisten Menschen verlernen es im
Laufe ihrer Entwicklung auf ihre ureigensten Impulse zu achten, weil Interventionen von
Erziehungsautoritäten sie davon abbringen. Das Eigene wird einem fremd und das Fremde
zum Eigenen gemacht. Spielen bietet die Möglichkeit, verschüttete Fähigkeiten wieder zu
finden und sie frei zu legen.
Ich bitte die Spielenden dabei die Haltung von Forscher/innen einzunehmen, die neugierig
sind und bereit, sich überraschen zu lassen, um Neues, Fremdes, Ungewöhnliches zu
entdecken. Es gilt daher während der Übungen in der Theaterwerkstatt wach und
konzentriert zu sein, um genau wahrnehmen zu können, wie sie wirken, welche Reaktionen
sie in einem hervorrufen, seien es Bilder, Gedanken, Gefühle, Bewegungs- oder
Handlungsimpulse. In der Reflexion nach einer Einheit steht die Frage im Mittelpunkt: Was
kann ich im Spiel, bei körperlicher, gestischer, mimischer Handlung und in der Interaktion mit
den Mitspielenden über ein Thema, hier über Heimatverlust, Suche nach einer neuen
Heimat, über soziale Prozesse, in unserem Fall über Ausgrenzung und Verfolgung, über
andere Menschen und vor allem über mich selbst in Erfahrung bringen?5 Theater ist Lernen
über sich selbst, wenn man sich und anderen beim Spielen über die Schulter schaut, und es
erlaubt einem die gewohnten Rollen zu verlassen und sich in fremde einzufühlen.
Wenn man die Erinnerungen von Menschen, die vertrieben wurden und die sich in England
und Israel eine neue Heimat gefunden haben, auf die Bühne bringen will, dann braucht es
vor allem Respekt vor ihrem persönlichen Erleben. Es ist aber auch nötig, sich selbst in
Improvisationen den Themen des Stücks mit allen Sinnen zu nähern, um die Haltung von
einfühlendem Verstehen entwickeln zu können. Die braucht es, um die Geschichte mit ihren
schrecklichen, berührenden, ermutigenden Momenten authentisch erzählen zu können, ohne
erhobenen Zeigefinger und ohne Pathos.



5 vgl. dazu Scheller, Ingo: Szenisches Spiel. Handbuch für die pädagogische Praxis. Berlin 20044 (Cornelsen
Scriptor), S.14


Christine Frei, Theaterkritikerin in verschiedenen Tiroler Zeitungen und selbst Theaterautorin
und –regisseurin, schreibt über unser Stück: „Eine sehr ästhetische Theaterarbeit, die den
Betroffenen jene Würde zurückgibt, derer sie hier beraubt wurden. Die Art Ihrer Darstellung
und Aufarbeitung hat mich sehr angesprochen und tief berührt. (…) Ihr Theaterabend war für
mich ein großes und nachhaltiges Erlebnis.“6
Methodenforschung mit Studenten/innen der Uni Innsbruck
In der Fachdidaktik Lehrveranstaltung für Studenten/innen im Lehramt Geschichte stellte
Irmgard Bibermann im Wintersemester zum Thema „Vom Fremden und Eigen“
Unterrichtsmethoden rund um das Thema „Heimat“ vor. Es ging darum, ausgehend vom
persönlichen Heimatbegriff Definitionen von Wissenschaftlern/innen aus unterschiedlichen
Disziplinen zu untersuchen und sich dann auch mit den, dem Thema eingeschriebenen,
antithetischen Begriffen, nämlich dem Fremdsein, der Heimatlosigkeit, dem Heimatverlust,
der Suche nach Heimat auseinanderzusetzen. Die Gruppe begab sich selbst in szenische
Rechercheprozesse, analysierte und reflektierte im Anschluss daran die dabei gemachten
Erfahrungen und benannte die Wirkung von einzelnen Methoden. Die in der
Lehrveranstaltung gewonnenen Erkenntnisse wurden dann in die Erarbeitung des
Erinnerungstheaterstücks eingebracht.
Studenten/innen der Erziehungswissenschaft hospitierten im Rahmen der Lehrveranstaltung
„Teamentwicklung: Lernen in Spielräumen“ in der Theaterwerkstatt. Sie beobachteten und
dokumentierten den Teamentwicklungsprozess im Ensemble. Sie protokollierten die
Ergebnisse von Spielprozessen und gaben den Mitgliedern der Theatergruppe
Rückmeldungen als Beobachter/innen „von außerhalb“. Diese Sichtweise ist für die
Spieler/innen sehr wichtig, weil das Urteil von „Theaterfremden“ in den Phasen, in denen erst
die Umrisse des Stücks erkennbar sind, also noch viel Unsicherheit bezüglich der
Aussagekraft von Szenen herrscht, sehr viel Bedeutung hat und das spielerische
Selbstverständnis der einzelnen stärkt.
Ausblick
Die Bürgermeisterin hat die Theatergruppe gebeten das Stück anlässlich einer Feier zur
Verleihung von Verdienstkreuzen der Stadt Innsbruck im September 2011 zu zeigen, bei
dem viele Stadt- und Gemeinderäte/innen anwesend sein werden, weil „das Theaterstück,
mich sehr berührt hat und ich dann nicht mehr erklären muss, weshalb Ehrungen nötig
sind.“7



6 Frei, Christine in einem Email an Irmgard Bibermann vom 6.04.2011.
7 Oppitz-Plörer, Christine in einem Gespräch mit Irmgard Bibermann am 7.05.2011.
Landesschulinspektor


Landesschulinspektor Plankensteiner ermunterte die Spielleiterin das Stück im Herbst wieder
aufzunehmen, damit „es möglichst viele Tiroler Schüler/innen sehen“.8
Irmgard Bibermann
Regie, Projektleitung
Zur Person:
Irmgard Bibermann: Lehrerin, Gestalt- und Theaterpädagogin, Lehrbeauftragte an der Universität
Innsbruck (Drama-, Interaktions- und Theaterpädagogik); Entwicklung und Leitung von
Theaterpädagogiklehrgängen; langjährige Regie- und Schauspielerfahrung im Amateurtheater,
Mitarbeit an historischen Buch- und zahlreichen Schulforschungsprojekten.
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www.spectACT.at, www.theaterverbandtirol.at
Weitere Informationen zum Stück:
Videoausschnitte aus dem Stück (Christian Kuen, Christine Roner, zzap.tv): vgl. www.zzapp.tv
Videosequenzen aus dem Stück (Priska Teran, Theater Verband Tirol):
http://www.theaterverbandtirol.at/index.php?page=mitglied&id=466 oder www.theaterverbandtirol.at,
dann Bühnen, Schulen oder sonstige Einrichtungen, Gymnasium für Berufstätige
Fotos von der Generalprobe: vgl.
https://picasaweb.google.com/107954815160175948535/ErinnerungstheaterGeneraltprobe_Marz11?a
uthkey=Gv1sRgCPqM6OKZsPzdvwE#
Anhang:
Probenplan bzw. Aufführungsplan
Beilagen:
Einladungskarten
Plakat
DVD
Foto-CD



8 Plankensteiner, Thomas in einem Gespräch mit Irmgard Bibermann am 7.05.2011.


Theater und Politische Bildung

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Theater und Politische Bildung: Erinnern, nicht vergessen
Irmi Bibermann

Die Gruppe Darstellendes Spiel widmete sich in diesem Schuljahr schwierigen Themen der
Zeitgeschichte. Die Spieler/innen setzten sich mit Lebenserinnerungen von Zeitzeugen/innen,
seien es Betroffene der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, seien es
Opfer der gnadenlosen Erziehungsmethoden in Tiroler Heime bis in die 1980er Jahre.
Im Erinnerungstheater „Alte Heimat / Schnitt / Neue Heimat“ kamen die Lebensgeschichten
von zwei ehemaligen Innsbruckern, Dorli Neale und Abraham Gafni auf die Bühne, die als
Kinder bzw. Jugendliche wegen ihrer jüdischen Herkunft aus ihrer Heimatstadt fliehen
mussten.
Dorli Neale und Abraham Gafni besuchten nicht nur die Aufführung der Theatergruppe am 7.
Mai 2011 im Westbahntheater, sondern kamen am 9. Mai ins Abendgymnasium, um vor
Studierenden über ihre Erfahrungen mit Heimatverlust, Flucht, Aufbau eines neuen Lebens in
England und Israel zu sprechen.
Die Theatergruppe beteiligte sich mit ihrem Stück auch an den „Aktionstagen Politische
Bildung“ rund um den Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am
5.Mai 1945.
Einige Spieler/innen waren dann noch in die Organisation und Durchführung des Gastspiels
der befreundeten Theatergruppe „Theatraki“ aus Bozen involviert, deren Stück „Spuren der
Seele“ sich mit der Euthanasie im Dritten Reich beschäftigt. Ebenfalls im Rahmen der
Aktionstage organisierten Irmgard Bibermann für spectACT und Horst Schreiber als
Netzwerkleiter von erinnern.at Tirol gemeinsam mit Hermann Freudenschuß vom
Theaterpädagogischen Zentrum Hall, vier Aufführungen für Schüler/innen und andere
Interessierte.
Zur Präsentation des Buches von Horst Schreiber „Im Namen der Ordnung“ über die
Heimerziehung in Tirol erarbeitete die Theatergruppe im Dezember 2010 eine Performance
mit dem Titel „Stimmen“. Im April 2011 spielte die Truppe auf Einladung der Gaismair
Gesellschaft beim Demokratiekongress in der Alten Bäckerei

Alte Heimat Neue Heimat Aufführung

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Alte Heimat Neue Heimat Einladung

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Heimerziehung: Im Namen der Ordnung

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