Mit jedem Schulabend dem Ziel ein bisschen näher

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Kommentar von Renate Kremser

Vor ziemlich genau zwei Jahren las ich in der Tageszeitung eine Ankündigung zum „Tag der offenen Tür“ am Abendgymnasium. Da es mir früher nicht möglich war, die Matura zu machen, sah ich diese Ausbildung als tolle Chance.

Ich bin Mutter von drei Kindern im Alter von 15, 13 und 9 Jahren. In meinen ehemaligen Beruf als Sekretärin wollte ich nicht mehr zurückkehren, denn es ist mir sehr wichtig, mit meinen Kindern möglichst viel Zeit zu verbringen. Umgekehrt war ich aber auch auf der Suche nach etwas Neuem, etwas, das mich geistig forderte.

Ich hatte schon öfter den Gedanken gehegt, die Matura irgendwann nachzuholen, doch plötzlich wurde es schneller Wirklichkeit, als ich wollte. Nach einer kurzen Rücksprache mit meiner Familie meldete ich mich zum Fernstudium an. Anfangs getraute ich mich gar nicht, unseren Freunden und Bekannten davon zu erzählen. Ich war mir ja nie sicher, ob und wie lange ich wirklich durchhalten würde. Doch meine Begeisterung für die Schule wuchs immer mehr, ich konnte und wollte es nicht mehr geheim halten. Und die Reaktionen unserer Freunde waren ganz toll und motivierend.

Trotz meiner Euphorie hatte ich auch meine Zweifel. Meine Schulzeit lag bereits mehr als 25 Jahre zurück und ich war besorgt, ob ich mit meinen jungen Mitschülern und Mitschülerinnen überhaupt mithalten könne. Doch es entwickelte sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis in der Klasse und ich erkannte, dass wir alle ähnliche Sorgen und Zweifel hatten.

Keinesfalls darf man sich das Abendgymnasium zu einfach vorstellen. Hier wird einem nichts geschenkt. Das Allerwichtigste ist eine gute Einteilung. Ich versuche, möglichst alle Arbeiten sofort zu erledigen und nichts aufzuschieben. Auch auf Abende, an denen keine Tests anstehen, bereite ich mich vor, denn nach Möglichkeit sollten keine Lernlücken entstehen. Diese sind im Nachhinein oft sehr schwer zu schließen. Referate plane ich – falls möglich – immer gleich in den ersten Semesterwochen ein. Denn die Gefahr ist groß, dass einem der gesamte Aufwand gegen Semesterende plötzlich zu viel wird.

Am Anfang war es für mich schwierig, mich auf moodle zurechtzufinden und ich hatte Sorgen, etwas zu übersehen. Mit Schrecken denke ich ebenso an meine ersten Referate zurück. Vor der ganzen Klasse zu stehen und frei zu reden war für mich ungewohnt und ich fühlte mich unsicher. Diese Referate brachten mir mitunter sogar einige schlaflose Nächte. Lieber erinnere ich mich an die Glücksmomente, die ich empfand, als ich wieder eine Hürde gemeistert hatte.

Sehr angenehm empfinde ich den freundschaftlichen Kontakt mit den Lehrern. Gerade im Fernstudium stehen wir in engem Kontakt mit den Lehrpersonen. Über E-Mail können wir sie jederzeit kontaktieren. Die Zusammenarbeit mit den Lehrern ist von sehr hoher gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Ich sehe die Lehrer als Berater, die uns unterstützen und motivieren, damit wir unser hochgestecktes Ziel erreichen können: die Matura. Keinesfalls möchte ich die Schule missen, auch wenn es manchmal wirklich hart ist. Besonders im Winter fällt es mir schwer, bei Dunkelheit von zu Hause aufzubrechen. Meine Kinder sind nicht immer glücklich, wenn ich weg muss. Dadurch schätzen wir aber die gemeinsame Freizeit, die uns bleibt, noch viel bewusster.

Als ich mit der Schule begann, änderte sich mein Tagesablauf schlagartig. Ich hatte plötzlich keine Zeit mehr, mit meinen Freundinnen am Vormittag auf Skitour zu gehen und es blieb auch weniger Zeit für Freunde, der Haushalt musste neu organisiert werden. Aber meine Familie unterstützt mich tatkräftig. Meine Kinder und mein Mann sind stolz auf mich, sie fiebern mit mir, wenn ich Schularbeiten schreibe, und sie freuen sich mit mir über Erfolge. Die größte Motivation für mich ist aber unsere älteste Tochter Marion. Sie besucht die Ursulinenschule und wird mit mir im gleichen Jahr maturieren. Für viele Fächer lernen wir sogar gemeinsam und wir planen bereits unsere Maturareise, die uns nach Amerika führen wird.

Ich bin sehr froh, dass ich mich für diese Schule entschieden habe. Die Hälfte der Schulzeit habe ich nun bereits geschafft. Für mich ist es auf alle Fälle der richtige Weg und mit jedem Schulabend komme ich meinem Ziel ein bisschen näher.

Renate Kremser 4s   WS 2011/12